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Man muss noch Ziele haben: Christine & Vincent Kirchner

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Dann lerne ich die Dame selbst kennen. Frau Christine Kirchner, geb. 1918. Eine gutaussehende, zierliche Dame, die mir mit ihrem Rollator entgegen kommt. Sie bittet mich ins gemütliche Wohnzimmer und wir versammeln uns um den Esstisch. Frau Kirchner setzt sich auf ihren Stammplatz in der Ecke, wo sie auch aus dem Fenster schauen kann. Vermutlich ist dies ihr Fenster in die Welt, denn ich weiß, dass sie und ihr Mann seit Jahren dieses Stockwerk nicht verlassen haben. Für Neuigkeiten sind sie auf das Telefon, den Fernseher, die Zeitung und Besucher angewiesen.

Herr Kirchner, geb. 1929 wird derweil von der Pflegekraft Paulina nach der Mittagsruhe vom Bett in den Rollstuhl transferiert. Dann schiebt sie ihn ebenfalls an den Tisch und wir trinken alle zusammen eine Tasse Kaffee. Ich bitte das Ehepaar,  von sich zu erzählen.

Vincenz übernimmt die Gesprächsführung und man spürt seine ungarische Herkunft: seine dunklen Augen sprühen beim Erzählen, er ist lebhaft und temperamentvoll, während seine Frau zuhörend dabei  sitzt und an entscheidenden Stellen ergänzt oder nickt.

Ich erfahre eine Vertreibungs –und Flüchtlingsgeschichte, wie sie wohl vielen Menschen in den Jahren des 2. Weltkrieges widerfahren ist: 1944 hatte der 15-jährige Vincenz eine Ausbildung zum Schreiner angefangen. Aber bereits nach 3 Monaten musste er Hals-über-Kopf vor den russischen Soldaten aus Ungarn nach Österreich fliehen. Ein paar Mal flüchtete er über die Grenzen hin und her, um zu entkommen. Nach Beendigung des Krieges fand er Arbeit auf einem Bauernhof in der Nähe von Linz in Österreich.  Diese Arbeit war ihm vertraut, da seine Eltern eine kleine Landwirtschaft betrieben. Auf diesem Hof traf er seine Christine, die nach ihrer Flucht aus Böhmen dort ebenfalls eine Anstellung gefunden hatte. Das Schicksal führte sie hier nun zusammen. Sie heirateten und  bezogen einen Aussiedlerhof. Zwei ihrer drei Töchter wurden hier geboren.

1957 folgten sie einer Einladung von Christines Verwandten, die inzwischen in Weil der Stadt wohnhaft waren. Nachdem sie eine Unterkunft im Nachbarhaus ihres heutigen Hauses gefunden hatten und auch noch „Gschäft“ für sie beide, war der Entschluss zum Auswandern schnell  gefasst. Sie fanden Arbeit in der damaligen Wolldeckenfabrik, die von 1780 bis 1996 ein Textilunternehmen in Weil der Stadt war. Es handelte sich um eines der führenden Unternehmen für hochwertige Woll- und Kamelhaartuche sowie Damenmantelstoffe. (Die Fabrikgebäude mussten nach Aufgabe des Unternehmens dem heutigen E-Center weichen, nur der Straßenname „An der Wolldecke“ erinnert noch daran.)   

Frau Kirchner arbeitete 21 Jahre als Näherin und Zuschneiderin in dieser Fabrik. Vincenz Kirchner war zunächst in der Wäscherei und Mischerei beschäftigt,  später viele Jahre im Lager und er wurde nach 35 Jahren Betriebszugehörigkeit in den wohlverdienten Ruhestand entlassen.

Die Familie hatte in Weil der Stadt eine neue Heimat gefunden, blieben aber der alten Heimat verbunden. Fast jedes Jahr fuhren sie zur Familie nach Ungarn in den Urlaub.

Ihren Lebensabend hätten sie nun so richtig genießen können…. wenn nicht ein Schlaganfall Vicenz Kirchner bereits im ersten Jahr seines Ruhestandes  ereilt hätte. Doch es kam noch schlimmer: lebensbedrohliche Durchblutungsstörungen machten die Amputation des linken Beines erforderlich. Vincenz war fortan auf den Rollstuhl und auf Pflege angewiesen. Seine Frau übernahm diese Aufgabe klaglos bis es ihre eigenen Kräfte überstieg und sie selbst Unterstützung benötigte.

Da sie und ihr Mann unbedingt gemeinsam zu Hause bleiben wollten, wandte sich ihre Tochter im November 2011 an die Sofiapflege. Seither wechseln sich im Hause Kirchner alle drei Monate die Pflegekräfte ab. Das ehemalige Esszimmer wurde zum behaglichen Schlafzimmer für  Betreuungskräfte umgewandelt.

Seit Anfang Februar unterstützt Frau Paulina Namesna aus der Slowakei Christine und Vincenz Kirchner. Sie ist eine sehr pflegeerfahrene und zuverlässige Betreuerin, die seit Jahren verschiedenste Einsätze für ihre Agentur und die Sofiapflege absolviert hat. Neben der Pflege versorgt sie den Haushalt: putzt, wäscht und bügelt die Wäsche, erledigt die Einkäufe und kocht die Mahlzeiten. Durch diese Betreuungslösung ist es Christine und Vincenz möglich, bis heute in ihren vertrauten vier Wänden und im Kreise ihrer inzwischen großen Familie zu leben: 6 Enkelkinder und 9 Urenkel gehören inzwischen dazu. Die jüngsten Urenkel sind Zwillingsjungen, gerade erst ein halbes Jahr alt, der ganze Stolz der Familie!

Und wie war das nun mit den Zielen? Mit einem spitzbübischen Lächeln verrät mir Christine Kirchner ihr Ziel: 100 Jahre alt zu werden!

Ich werde Sie beim Wort nehmen und zur Geburtstagsfeier kommen. Versprochen!

Ihre

Ines Roos-Siebold

Bestandskundenbetreuerin

Sofiapflege


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