Wenn der Partner stirbt - Abschied im Alter

Pflegende Angehörige kümmern sich oft hingebungsvoll um den gelähmten Ehemann oder die demente Ehefrau. Die pflegenden Lebenspartner nehmen für diesen Liebesdienst viel Verzicht auf sich. Seltsamenweise werden solche Menschen von der Öffentlichkeit kaum als pflegende Angehörige wahrgenommen. Anscheinend wird nur die Pflege eines alten Elternteils als Standardsituation angesehen. Fakt ist aber, dass auch jüngere Menschen - beispielsweise im Alter zwischen 20 und 60 Jahren - ihren Partner oder ihre Partnerin pflegen. Oft ist das ein Abschied auf Raten.

Die Realität ist: Frauen Mitte 40 pflegen ihre Ehemänner nach einem Unfall jahrelang. Junge Männer Mitte 30 versorgen eine Lebenspartnerin, die an Multipler Sklerose erkrankt ist. Viele Menschen müssen einen an Krebs erkrankten Ehepartner über Jahre pflegen. Wenn der eigene Lebenspartner zum Pflegefall wird, fällt es den Angehörigen oft schwer, diesen in ein Pflegeheim zu geben. Letztlich ist das auch eine Kostenfrage. Vor allem aber motivieren die bessere Pflegequalität und die Liebe zum anderen die Entscheidung für die heimische Pflege.

Wenn der jahrelang liebevoll gepflegte Lebens- oder Ehepartner stirbt, sind oft ambivalente Gefühle im Spiel. Auf der einen Seite mag eine gewisse Erleichterung stehen. Immerhin hat die Pflege auch täglichen Einsatz und viel Verzicht gekostet. Das bis dahin gelebte Leben war mit einem Schlag vorbei. Die Unterstützung des Partners für einen selbst fehlte an allen Ecken und Enden. Die komplette Last aller häuslichen Entscheidungen lag plötzlich alleine auf dem pflegenden Partner. Soll man einen dementen, gelähmten oder sterbenskranken Partner in einem Alters- und Pflegeheim bringen - oder schafft man es, ihn auch beim letzten Gang aus dem Leben zu begleiten?

Auf der anderen Seite ist die Trauer um den Verlust des Partners meist groß. Es hilft den Betroffenen nicht immer, dass sie ihn so lange Zuhause pflegen konnten. Mancher Ehepartner macht sich vielleicht Vorwürfe, dass er geduldiger und liebevoller hätte sein müssen. Er wirft sich möglicherweise vor, gelegentlich kleine Auszeiten gegen die Erschöpfung genommen zu haben. Das gefühlte Loch, in das viele Menschen nach dem Tod des Partners hineinfallen, ist individuell groß. Es hängt von den Umständen ab, wie sehr einen der Tod des Lebenspartners trifft. Vielfach stellt der Tod für diesen eine Erlösung von langem Leiden dar. Dann fällt das Loslassen möglicherweise leichter. Dennoch war der erkrankte Partner weiterhin anwesend. Jetzt ist er es endgültig nicht mehr.

Damit entfallen auch die Strukturen, die die Erkrankung dem pflegenden Angehörigen aufgezwungen hatte. Mit dem Eintreten des Todes ist eine Zäsur für den Hinterbliebenen eingetreten. Wenn der Partner Zuhause verstorben ist, war man möglicherweise in der Lage, ihm Trost zu spenden. Nun benötigt man jedoch selbst Trost. Eine große Leere kehrt ein. Die Ambivalenz der Gefühle macht nichts leichter. Leichter wird es nur, wenn jemand eine große Klarheit verspürt. Mancher erkennt, alles getan zu haben, was in seiner Macht stand. Viele wissen: Für den Partner war es eine Erlösung, zu gehen - und für einen selbst auch. Diese Ehrlichkeit mindert die Trauer um den Verlust nicht. Sie nimmt ihr aber die Schwere. In solchen Erkenntnissen können pflegende Angehörige Trost finden.

Die allgemeine Ansicht ist: Wenn ein älterer und schwer kranker Angehöriger stirbt, ist das ein erwartbarer und normaler Vorgang. Die pflegenden Angehörigen könnten nun wieder ihr gewohntes Leben aufnehmen. Doch so einfach ist es nicht.

Gerade ältere und alte Menschen finden in ihrem Partner Halt. Die Pflegesituation stellt eine immense Belastung dar - aber sie erlaubt dem Partner auch, Zuhause zu bleiben.

Die Pflege des geliebten Partners gibt Halt und Struktur. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass der Tod des Partners gerade ältere Menschen besonders hart trifft. In vielen Fällen bestand eine starke emotionale Bindung, oft auch eine emotionale Abhängigkeit. Doch Form und Dauer der Trauerbewältigung hängen nicht vom Alter ab. Sie sind vielmehr abhängig davon, ob jemand ein soziales Netz und Unterstützung hat, ob er über Bewältigungsstrategien für Krisen verfügt und wie er den Tod des Partners wahrnimmt: als persönliche Katastrophe - oder als natürliches Ende des gemeinsamen Miteinanders.

Viele Menschen, die jahrelang ihren Partner gepflegt haben, fallen in ein tiefes Loch. Anfangs geben ihnen noch die Verrichtungen um die Beerdigung Halt. Danach stehen zahlreiche Abmeldungen und Amtsgeschäfte an. Dann zieht die große Leere ein. Viele Frauen sagen, dass sie ihren schwer kranken Mann gerne noch länger gepflegt und bei sich behalten hätten. In diesem Fall ist das Loslassen erschwert. Oftmals berichten die pflegenden Angehörigen über Depressionen. Manche haben gar Selbstmordgedanken. Die Pflege des Partners hat viel Kraft gekostet. Es ist oft nicht mehr genug Kraft für einen selbst übrig. Die Berater eines Bestattungsinstituts oder ein Hausarzt sollte solchen Menschen zu einer Trauergruppe oder psychologischer Hilfe raten. Auch die Mitarbeiter eines Hospizdienstes sind als geschulte Trauerbegleiter ansprechbar.

Gerade ambivalente Gefühle können es pflegenden Angehörigen erschweren, einen Umgang mit der Trauer zu finden. Möglicherweise ist die erste Trauerphase bei einem erwartbaren Todesfall verkürzt. Schock und Verleugnung treten meist bei unerwarteten Todesfallen auf. Kein pflegender Angehöriger ist darauf vorbereitet, seinen sechsundvierzigjährigen Ehemann an Demenz oder einen zweiten Schlaganfall zu verlieren. Je unerwarteter der Todesfall eintrat, desto intensiver verläuft die Trauerphase, die Schock und Verleugnung beinhaltet.

Es braucht oft eine gewisse Zeit, um zu den Tod des Partners zu begreifen und die Implikationen für einen selbst zu erfassen. Verlustschmerz, Verzweiflung und Trauer begleiten den pflegenden Angehörigen nach dem Tod des Partners in die zweite Phase des Trauerns. Die Trauerphasen folgen aber nicht logisch aufeinander. Sie können sich abwechseln. In Phase zwei machen sich die pflegenden Angehörigen oft Vorwürfe. Sie leiden unter Ängsten, Schuldgefühlen und glauben, manches falsch gemacht zu haben. Außerdem haben sie oft Angst vor dem, was nun kommen mag: Einsamkeit, Verlassenheitsgefühle, Gefühle der Sinnlosigkeit.

In dieser Trauerphase stehen ehemals pflegende Angehörige, die selbst schon alt sind, oft alleine da. Sie sind häufig mit Schlafstörungen, Ängsten, innerer Unruhe oder Appetitlosigkeit konfrontiert. Manche Menschen entscheiden sich in dieser Trauerphase, die Hinterlassenschaften ihres Partners nicht zu entsorgen. Alles soll so bleiben, wie es war. Solche Menschen versuchen, den Partner im Leben zu halten, als könne er jeden Moment durch die Türe kommen. Wenn das tatsächlich Trost und Halt gibt, ist das in Ordnung. Führt es aber zu Irrglauben und trügerischen Hoffnungen, ist es ungesund.

Andere Menschen entsorgen schon zwei Tagen nach dem Tod ihres Partners alles, was in den Kleiderschränken liegt. Für sie bedeutet das: Sie möchten nach der Trauerphase einen Neuanfang wagen. Viele nicht betroffene Menschen verstehen das Entsorgen all dessen, was dem anderem gehörte, nicht. Doch für die hinterbliebene Partnerin oder den Partner stellt es oft eine schwere, aber notwendige Aufgabe dar. Es bedeutet für diesen Menschen, einen Abschluss des gemeinsamen Lebens zu finden. Der Verlust des gepflegten Partners kann meist erst in Phase drei der Trauer verarbeitet und angenommen werden. Gefühle und Gedanken kreisen nun öfter um anderes als um den verlorenen Partner.

Möglicherweise geht der Hinterbliebene zu einer Trauergruppe. Mancher schließt sich auf Anraten seiner Enkelin einer Gesprächsgruppe an. Vielleicht unternimmt jemand nun jahrelang verschobene Reisen. Vielleicht zieht eine Hinterbliebene nach einem halben Jahr in eine andere Wohnung oder eine Senioren-WG. Sie schließt sich einer Wandergruppe an. Oftmals helfen Kinder und Enkel dabei, den Verlust zu bewältigen. Nachkommen lenken einen ab. Sie stellen positive Kontakte dar. Schwerer wird es, wenn ein Ehepaar wegen der Pflegesituation kein tragfähiges soziales Netz mehr hatte. Oftmals empfanden die Hinterbliebenen ihre verstorbenen Partner als Teil ihrer selbst. Fehlt die "bessere Hälfte", fühlen viele alte Menschen sich wie amputiert. Die Seele erfährt eine Art Phantomschmerz.

Fakt ist, dass jeder Mensch individuell trauert und Abschied nimmt. Jeder braucht seine eigene Zeit, um loslassen zu können. Erst wenn das gelungen ist, kann eine neue Struktur im Alltag etabliert werden. Das erste Jahr nach dem Verlust des Partners wird besonders schwer. Geburtstage und Weihnachtsfeste müssen ohne den Partner gestaltet werden. Das auszuhalten, ist oft schwer. Doch es geht beim Abschiednehmen darum, den Verlust anzunehmen und mit ihm leben zu lernen. Dabei ist ein funktionierendes soziales Netz sehr hilfreich. Fehlt dieses, drohen Einsamkeit und Isolation. Oftmals folgen alte Menschen dem verlorenen Partner binnen eines Jahres nach.

Quellen:

angehoerigenpflege-kk.de/2017/05/06/pflege-des-ehepartners/

www.senioren-ratgeber.de/Psyche/Trauer-bewaeltigen-wenn-der-Partner-stirbt-545625.html

www.careship.de/senioren-ratgeber/checkliste-sterbende-angehorige-begleiten/

www.angehoerige-pflegen.de/wenn-angehoerige-zu-hause-sterben-ein-erfahrungsbericht/

 

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