Christine & Vincent Kirchner aus Weil der Stadt

Heute besuche ich das verwinkelte, mittelalterliche Städtchen Weil der Stadt. Mein Weg führt mich zunächst durch die Straße „An der Wolldecke“ und ich muss ein wenig über diesen Namen schmunzeln. Später werde ich über den Namen mehr erfahren. In einer schmalen Altstadtgasse finde ich das hübsche, alte Haus der Familie Kirchner. Ich steige mit Linoleum ausgelegte, knarrende Holzstufen hinauf in das Dachgeschoss, wo mich die Tochter Frau Fixar empfängt...

Dann lerne ich die Dame selbst kennen. Frau Christine Kirchner, geb. 1918. Eine gutaussehende, zierliche Dame, die mir mit ihrem Rollator entgegen kommt. Sie bittet mich ins gemütliche Wohnzimmer und wir versammeln uns um den Esstisch. Frau Kirchner setzt sich auf ihren Stammplatz in der Ecke, wo sie auch aus dem Fenster schauen kann. Vermutlich ist dies ihr Fenster in die Welt, denn ich weiß, dass sie und ihr Mann seit Jahren dieses Stockwerk nicht verlassen haben. Für Neuigkeiten sind sie auf das Telefon, den Fernseher, die Zeitung und Besucher angewiesen.

Herr Kirchner, geb. 1929 wird derweil von der Pflegekraft Paulina nach der Mittagsruhe vom Bett in den Rollstuhl transferiert. Dann schiebt sie ihn ebenfalls an den Tisch und wir trinken alle zusammen eine Tasse Kaffee. Ich bitte das Ehepaar,  von sich zu erzählen.

Vincenz übernimmt die Gesprächsführung und man spürt seine ungarische Herkunft: seine dunklen Augen sprühen beim Erzählen, er ist lebhaft und temperamentvoll, während seine Frau zuhörend dabei  sitzt und an entscheidenden Stellen ergänzt oder nickt.

Herr und Frau Kirchner sind gebürtige Ungarn. 1957 folgten sie einer Einladung von Christines Verwandten, die nach dem Krieg in Weil der Stadt wohnhaft waren. Nachdem sie eine Unterkunft im Nachbarhaus ihres heutigen Hauses gefunden hatten und auch noch „Gschäft“ für sie beide, war der Entschluss zum Auswandern schnell  gefasst. Sie fanden Arbeit in der damaligen Wolldeckenfabrik, die von 1780 bis 1996 ein Textilunternehmen in Weil der Stadt war. Es handelte sich um eines der führenden Unternehmen für hochwertige Woll- und Kamelhaartuche sowie Damenmantelstoffe. (Die Fabrikgebäude mussten nach Aufgabe des Unternehmens dem heutigen E-Center weichen, nur der Straßenname „An der Wolldecke“ erinnert noch daran.)   

Die Familie hatte in Weil der Stadt eine neue Heimat gefunden, blieben aber der alten Heimat verbunden. Fast jedes Jahr fuhren sie zur Familie nach Ungarn in den Urlaub.

Ihren Lebensabend hätten sie nun so richtig genießen können…. wenn nicht ein Schlaganfall Vicenz Kirchner bereits im ersten Jahr seines Ruhestandes  ereilt hätte. Doch es kam noch schlimmer: lebensbedrohliche Durchblutungsstörungen machten die Amputation des linken Beines erforderlich. Vincenz war fortan auf den Rollstuhl und auf Pflege angewiesen. Seine Frau übernahm diese Aufgabe klaglos bis es ihre eigenen Kräfte überstieg und sie selbst Unterstützung benötigte.

Da sie und ihr Mann unbedingt gemeinsam zu Hause bleiben wollten, wandte sich ihre Tochter im November 2011 an die Sofiapflege. Seither wechseln sich im Hause Kirchner alle drei Monate die Pflegekräfte ab. Das ehemalige Esszimmer wurde zum behaglichen Schlafzimmer für  Betreuungskräfte umgewandelt.

Seit Anfang Februar unterstützt Frau Paulina Namesna aus der Slowakei Christine und Vincenz Kirchner. Sie ist eine sehr pflegeerfahrene und zuverlässige Betreuerin, die seit Jahren verschiedenste Einsätze für ihre Agentur und die Sofiapflege absolviert hat. Neben der Pflege versorgt sie den Haushalt: putzt, wäscht und bügelt die Wäsche, erledigt die Einkäufe und kocht die Mahlzeiten. Durch diese Betreuungslösung ist es Christine und Vincenz möglich, bis heute in ihren vertrauten vier Wänden und im Kreise ihrer inzwischen großen Familie zu leben: 6 Enkelkinder und 9 Urenkel gehören inzwischen dazu. Die jüngsten Urenkel sind Zwillingsjungen, gerade erst ein halbes Jahr alt, der ganze Stolz der Familie!

Und wie war das nun mit den Zielen? Mit einem spitzbübischen Lächeln verrät mir Christine Kirchner ihr Ziel: 100 Jahre alt zu werden!

Ich werde Sie beim Wort nehmen und zur Geburtstagsfeier kommen. Versprochen!

Ihre Ines Roos-Siebold - Bestandskundenbetreuerin Sofiapflege

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